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Textverarbeitung

Am Anfang des Studiums, wenn man bewundernswert zu Examenskandidaten aufschaut und sich denkt, „das ist so sexy, Examen zu machen“, hat mir ein kluger Mensch mal gesagt, dass man bei großen Projekten besser die Finger von MS Word lässt. Äh, dass man eigentlich generell die Finger davon lässt. Schon damals war mir klar, dass diese Feststellung nicht aus sprunghafter Frustration gemacht wurde.

Ich weiss jetzt nicht, ob es eine bewusste Entscheidung war, bei Word zu bleiben. Vielleicht war es die Faulheit, sich auf ein OpenSource-Programm einzulassen, oder aber die relative Vertrautheit mit den Tücken eines Microsoftproduktes. Ja, auch die wachsen einem ans Herz. Und warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht, glaubt man zumindest zu jeder Zeit, Herr der Lage zu sein. Der Glaube versetzt ja bekanntlich Berge.

Und seit ich mich während meines Austauschjahres (High School) in Australien ein halbes Jahr lang täglich mit MS Word als Hauptuntersuchungsgegenstand und nicht als Werkzeug auseinandersetzen musste, glaube ich zumindest, dem Programm ab und zu ein Schnippchen schlagen zu können. Mehr als VHS-Niveau war das zwar nicht, aber steter Tropfen höhlt den… Das beinhaltet auch die Verwendung von Formatvorlagen – richtig angewandt eine der wirklich tollen Errungenschaften.*

In dieser Auseinandersetzung ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

*Erinnert mich außerdem daran, dass ich während meines Ausflugs in die BWL einen ähnlichen Kurs machen musste (zeitlich und inhaltlich sehr viel gestraffter), nannte sich „Rechnerpraktikum“. Die beiden Mädels, die mich in diesem BWL-Jahr begleitet haben, hab ich seit bestimmt fünf Jahren nicht mehr gesehen. Würde ich allerdings mit Megafon in die Hamburger Innenstadt gehen und laut „Formaaaaatvorlaaaage“ brüllen, würde ich die sofort wiederfinden. Sowas verbindet.

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Words, words, words!

„Sie [die Magisterarbeit] soll einen Umfang von 120 (à 1800 Anschlägen) Seiten nicht überschreiten.“
(Magisterprüfungsordnung des Fachbereichs Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften der Universität Hamburg)

Aha. Das ist eine regulative Ansage, aber eine, die dem Tricksen mancher Studenten ein Ende setzt. Denn viele Schummeln sich doch zweifach durchs Studentenleben. Einerseits, weil es ihnen die grenzenlose Freiheit eines Textverarbeitungsprogramms ermöglicht, die Ränder nahezu beliebig zu setzen, um auf die geforderte Mindestseitenzahl zu kommen. Das kann in Seitenrändern nicht unter sechs Zentimetern auf beiden Seiten ihren Ausdruck finden, oder aber auch in Begrenzungen, bei denen die Treibersoftware des Druckers überlistet werden muss, weil Teile ausserhalb des Druckbereichs liegen. Andererseits lässt sich mit einem Mausklick (im Idealfall, wenn der Student die Verwendung von Formatvorlagen beherrscht) die Schriftgröße auf einen beliebigen Wert zwischen 8 und 15 pt setzen. Nicht lachen, alles schon gesehen.

Davon ausgehend, dass die Empfehlung des Prüfungsamtes noch auf Uralterfahrungen des Schreibmaschinenzeitalters vor der Verbreitung proportionaler Schriftarten beruht, ist eine Erweiterung auf 2000 Anschläge vermutlich sinnvoll. Somit lässt sich die Typografie meiner Hausarbeiten rechtfertigen, die mit den gängigen, aber grauenhaften „Times New Roman oder Arial, Schriftgröße 12pt“-Vorschrift vieler Dozenten immer gebrochen haben. Stichwort: Regeln vernünftig brechen. Einmal hat sich einer beschwert, mehrere Male wurde die Typografie lobend hervorgehoben. Aber lassen wir das.

Die Seitenangabenvorgabe ist in der Praxis meines Erachtens so oder so Schwachsinn. Öffnet dem Tricksen (s.o.) Tür und Tor und sagt dann auch wenig darüber aus, wie sehr der Student in der Lage ist, weit genug in die Tiefe zu gehen, und sich gleichzeitig kurz genug zu fassen.

Große Worte! Das bringt mich zum eigentlichen Thema. In angelsächsischen Ländern wird grundsätzlich mit Wortzahlen als Vorgaben gearbeitet. Ein handelsüblicher, mit unseren Hausarbeiten vergleichbarer Leistungsnachweis in einem Hauptseminar soll dort meistens 5000 Wörter umfassen. Das entspricht bei „richtiger“ Formatierung je nach Sprache (Hausarbeiten auf Deutsch sind erfahrungsgemäß ein paar Seiten länger) etwa 16-18 Seiten. Diese Wortvorgaben setzen sich auch mehr und mehr in Deutschland durch, vorwiegend – so das subjektive Gefühl – bei Dozenten, die mal im Ausland unterrichtet und/oder promoviert haben.

Natürlich löst das nicht das Schummelproblem. Aber somit liegt das Schummelpotential eher in blumigen Schreibstilen, als in Seitenrändern und Schriftgrößen. Und mit elektronischer Übermittlung, die viele Dozenten mittlerweile fordern (zur Überprüfung durch Plagiatsprogramme), lässt sich auch gleich feststellen, ob bei der Wortzahlangabe geschummelt wurde.

Für mich heisst das: 25.000 Wörter. Mindestens.

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